Borreliose-Erkrankung

Borreliose-Erkrankung

Die Bezeichnung „Lyme-Borreliose“ geht auf den Ort „Old Lyme“ im US-Bundesstaat Connecticut zurück. Dort wurde Mitte der 70er Jahre eine Arthritisendemie beschrieben, die vor allem bei Kindern auftrat. Träger des Lyme-Borrelioseerregers ist die Zeckenart Holzbock (Ixodes ricinus). In Europa ist Borreliose dort verbreitet, wo es den Holzbock gibt. Dieser kommt fast überall in Europa vor. Deutschland liegt im Kern des Verbreitungsgebietes. Zecken sind ab etwa 7 Grad Celsius aktiv. Je nach Witterung muss man also von Anfang März bis Ende Oktober mit ihnen rechnen. In Deutschland muss in bestimmten Gebieten von einem Durchseuchungsgrad der Pferde von bis zu 50% ausgegangen werden. Borrelien sind in der Natur weit verbreitet, entweder freilebend oder in verschiedensten Gliederfüßern (Arthropodenarten). Letztere sind Aussenschmarotzer (Ektoparasiten) und in ihrer Entwicklung auf tierisches oder menschliches Blut angewiesen. Die Zecke dient als Vektor (= Träger für Krankheitserreger) für die Borrelioseerreger und trägt somit zur Verbreitung von Infektionskrankheiten bei Tier und Mensch bei. Borrelien sind korkenzieherartig strukturierte Bakterien, die sich durch rotierende Bewegungen eigenständig vorwärtsbewegen können. Bei einem Zeckenbiss werden die im Darm der Zecke befindlichen Bakterien aktiviert und gelangen so in den Wirtsorganismus. Dieser Vorgang dauert in der Regel ca. 24 Stunden. Borrelien haben an ihrer Oberfläche verschiedene Proteinstrukturen (Eiweißstrukturen), die vom Wirtsorganismus als so genannte Antigene (= körperfremde Stoffe) erkannt werden. Das Immunsystem des Wirtsorganismus stellt zur Abwehr der Antigene spezifische Antikörper (sog. Immunglobuline) her. Die Immunglobuline unterscheiden sich in ihrem Aufbau und Funktion voneinander. Einige dieser Antikörper sind mehr in der Frühphase (Immunglobulin M = IgM) der Infektion zu finden, andere mehr in der Spätphase (Immunglobulin G = IgG), so dass man anhand des Vorkommens der Antikörper einen Rückschluss auf das Stadium der Infektion ziehen kann. Einige Antigene sind hochspezifisch für Borrelien, d.h. wenn im Wirtsorganismus Antikörper gegen diese Antigene gefunden werden ist das ein sicherer Nachweis, dass der Wirt Kontakt zu Borrelien hatte. Diesen Vorgang macht sich die Labordiagnostik zunutze. Das so genannte Westernblot-Verfahren ist der Nachweis von spezifischen Borrelia burgdorferi sensu lato IgM und IgG Antikörpern. Bei der Auswertung des Westernblot wird eine nach IgM und IgG getrennte halbquantitative Bewertung der nachgewiesenen Antikörper vorgenommen, basierend auf Spezifität und Konzentration. So kommen die vier Bewertungsstufen „negativ“, „grenzwertig“, „schwach positiv“ und „positiv“ zustande.
Nach einem Zeckenbiss sind Borrelien-spezifische Antikörper erst nach 6-8 Wochen nachweisbar. Die Immunglobuline persistieren einige Zeit. Bei experimentellen Infektionen beim Hund wurden Antikörpertiter bis zur 12. und 31. Woche nach der Infektion nachgewiesen.
Das Westernblot-Verfahren ist ein serologisches Verfahren. Als Serologie bezeichnet man die Wissenschaft und Lehre von den Antigen-Antikörper-Reaktionen. Es handelt sich bei serologischen Tests also um indirekte Nachweisverfahren durch Antikörpernachweis, es wird aber nicht direkt der Erreger nachgewiesen (direktes Verfahren). Aufgrund fehlender standardisierter Tests und aufgrund der hohen Ansprüche des Erregers an Wachstum und Milieu bei der kulturellen Anzüchtung sind direkte Nachweisverfahren für die Routinediagnostik der Lyme-Borreliose derzeit nicht geeignet. Mit serologischen Tests, d.h. Nachweisverfahren für erregerspezifische Antikörper wird das Ziel verfolgt, die nach einem Erregerkontakt durch das Immunsystem produzierten erregerspezifischen Antikörper zu erfassen. Dieser Nachweis gelingt unabhängig davon, ob das Tier daran klinisch erkrankt ist, die Infektion abgewehrt wurde bzw. nur subklinisch (= schwach klinisch) verlaufen ist. Mit einer Antikörperbestimmung kann in der Borreliosediagnostik nur der Kontakt des Tieres zu dem Erreger nachgewiesen werden, die Diagnosestellung Borreliose ist serologisch allein nicht möglich. Die mikrobiologische Diagnostik kann auch mit den aktuellen Möglichkeiten nur unterstützend zur Diagnose beitragen, entscheidend bleibt die klinische Symptomatik. Ein positiver serologischer Befund spricht für eine Infektion mit Borrelien, sagt in den meisten Fällen aber nichts über die klinische Relevanz. Die serologischen Befunde sind demnach nur im Zusammenhang mit auf Borreliose hinweisenden klinischen Befunden und unter Ausschluss anderer zur Erkrankung führender Ursachen beweisend.
Der Western- Blot: Das Ergebnis gilt als positiv, wenn Antikörper gegen mindestens 2 hochspezifische Proteine nachgewiesen werden. Bei Nachweis von Antikörpern gegen nur 1 hochspezifisches Protein handelt es sich um ein fragliches Ergebnis. In diesem Fall ist der Blot in einer 2., 14 Tage später entnommenen Serumprobe zu wiederholen. Auch bei einem positiven Befund sollte nach 2-4 Wochen ein erneuter Test zur Titerverlaufskontrolle durchgeführt werden.
Der C6-Test ist ebenfalls nur ein indirekter Nachweis gegen das Vls-E Antigen (= variable major protein like sequence).
Die höchste Beweiskraft einer Infektion mit Borrelia burgdorferi kommt im Rahmen der Labordiagnostik dem direkten, mikroskopischen oder kulturellen Nachweis des Erregers in Blut, Punktatflüssigkeit, Biopsie- und Autopsiematerial zu. Als Untersuchungsmaterial wird oft Urin, Gelenkpunktat, Liquor und Haut verwendet.
Geschätzte 30-40% der Pferde in endemischen Gebieten zeigen serologisch den Nachweis eines Kontaktes mit Borrelia burgdorferi, ungefähr 9% dieser Pferde entwickeln auch klinische Symptome. Die Diagnose der Lyme-Borreliose bei Pferden ist schwierig und basiert üblicherweise auf der klinischen Untersuchung, der Vorgeschichte von Zeckenkontakt in endemischen Gebieten, der unterstützenden serologischen Untersuchung und auf dem positiven Ansprechen auf eine Antibiotikatherapie. Die Lyme-Borreliose ist eine multisystemische Erkrankung, befallen werden hauptsächlich das Bindegewebe der Haut, der Gelenke und des Nervensystems. Beim Pferd werden folgende Symptome beschrieben:
Lahmheit an mehreren Gliedmaßen und Steifheit, Hufrehe, Gelenkschwellung, Polyarthritis, Lethargie und Fieber, Augenerkrankungen, neurologische Symptome, Hautveränderungen, Erkrankungen des Herz-Kreislaufsystems und Gewichtsverlust . Im fortgeschrittenen Stadium der Erkrankung können die Pferde zwar eine deutliche Abmagerung zeigen, aber bei erhaltenem Appetit.
Insgesamt gibt es noch zu wenige Untersuchungen bei Pferden, um eine klare Beschreibung der Erkrankung geben zu können. Die Zuordnung der klinischen Symptome zur Diagnose Zeckenborreliose ist rein zahlenmäßig noch zu gering. Die Infektion scheint bei Pferden subklinisch und akut klinisch zu verlaufen. Dabei können mehrere Krankheitsschübe auftreten.
Anlässlich des Aft (Akademie für Tiergesundheit)-Herbstsymposiums im Oktober 2007 in Hannover wurden von Prof. Dr. Grabner folgende Aussagen gemacht:
„Die Ergebnisse von Antikörperbestimmungen bei Pferden unterschiedlichster Altersgruppen während 2 Jahren bestätigen, dass in Abhängigkeit vom angewandten Testsystem ein relativ großer Teil der Pferde im Laufe ihres Lebens Antikörper gegen B. burgdorferi s.l. bildet. Das Fehlen eines einheitlichen Krankheitsbildes und die Unkenntnis über den Infektionsverlauf führt in Kombination mit der diagnostischen Unsicherheit vermutlich oft zur irrtümlichen Verdachtsdiagnose Lyme-Borreliose beim Pferd. Zusammenfassend betrachtet ist eine eindeutige Diagnose der Lyme-Borreliose beim Pferd aufgrund klinischer Varianz sowie labordiagnostischer Unsicherheit derzeit nicht möglich.“
Die Lyme-Borreliose beim Pferd wird auch als Infektion mit Tarnkappe bezeichnet. Die Diagnose Lyme-Borreliose ist auf der Grundlage der Symptomatik allein auch unter Ausschluss anderer Erkrankungen kaum möglich.