Kissing Spines-Syndrom

In der Veterinärmedizin wird der Begriff Kissing Spines-Syndrom auch mit den Begriffen Thorakales Interspinales Syndrom oder Thorakolumbales Interspinales Syndrom (TLI-Syndrom) beschrieben. Es handelt sich um eine orthopädische Erkrankung im

 
DFS der hinteren BWS mit minimalen Veränderungen  
Rückenbereich des Pferdes. Betroffen sind die Brust- und Lendenwirbelsäule und die sie umgebenden Weichteile. Beim TLI-Syndrom kommt es zu einem abnormalen Kontakt zwischen den Dornfortsatzspitzen (DFS) der Brust- bzw. Lendenwirbel, hauptsächlich im Bereich der Sattellage (12. - 18. Brustwirbelbereich= T12-T18). Dadurch kommt es zu entzündlichen, schmerzhaften Veränderungen der DFS und der in diesem Bereich lokalisierten Muskulatur und Bandstrukturen. Durch die Berührungspunkte zwischen den DFS kommt es zu lokalen Knochenhautreaktionen in Form von Randsklerosierungen. Sklerosierung bedeutet Verhärtung, Bindegewebszunahme. Diese Bereiche stellen sich röntgenologisch dichter dar in Form eines weißlichen Randsaumes. Die Sklerosierungen können nur am vorderen oder hinteren Rand oder auch an beiden Rändern vorkommen. Der Bereich T12 - T18 trägt das Hauptgewicht des Reiters, außerdem haben hier die DFS eine nach vorne gerichtete, schnabelförmige Spitze und die Zwischenwirbelabstände sind in diesem Bereich am engsten. Dieser Bereich ist somit für Erkrankungen prädestiniert.

Das Kreuzdarmbein-Gelenk gehört nicht mehr zur thorakolumbalen Wirbelsäule, die Symptomatik bei Erkrankungen stimmt in vielen Punkten mit der bei thorakolumbalen Erkrankungen überein. Deshalb werden bei entsprechender Symptomatik grundsätzlich beide Bereiche in die Untersuchung mit einbezogen.


Symptome

Die Symptomatik des TLI-Syndroms ist vielfältig. Das herausragende Symptom ist immer der Verlust oder die Reduktion der Leistungsfähigkeit. Pferde mit deutlichen Rückenschmerzen zeigen häufig folgende Symptome:
Schwierigkeiten beim Urin- oder Kotabsatz, Widerwille sich in der Box zu legen oder sich zu wälzen, Verhaltensänderungen (beginnen zu treten oder zu beißen, lassen sich schlecht in der Box einfangen), Schwierigkeiten beim Beschlag der Hinterhufe, widersetzen sich jeglichem Gewicht auf dem Rücken mit der Tendenz in der Hinterhand zu kollabieren, Schwierigkeiten beim Aufsitzen oder Nachgurten (Sattel- und Gurtzwang äußert sich häufig mit Kopfschlagen, Beißen, Schweifschlagen, mit den Hinterbeinen treten oder aufstampfen, unruhig hin- und hertrippeln, in der Hinterhand nach unten sacken), Widerwille rückwärts zu gehen, einseitige oder beidseitige Hinterhandslahmheit, Steifheit der Hinterhandsaktion, kurzer gebundener schwungloser Gang, abstehender oder eingeklemmter Schweif, Schweifschiefhaltung, Katenzenbuckel, häufige Taktfehler im Trab, Umspringen in Kreuzgalopp (Pferd läuft nicht in der richtigen Fußfolge), Widersetzlichkeit bei bestimmten Lektionen, Druckschmerz beim Abtasten der DFS und der langen Rückenmuskeln.

 
Mehrere frakturierte DFS der BWS  
Dies ist nur eine Auswahl von Symptomen, andere Symptome können ebenfalls auftreten. Der Grad der Schmerzhaftigkeit kann sehr unterschiedlich sein. Pferde reagieren darauf in unterschiedlichster Art und Weise.

Bei Erkrankungen des Kreuz-Darmbein-Gelenkes sind ähnliche Symptome zu beobachten. Häufig beschrieben werden eine deutliche einseitige Lahmheit im akuten Stadium mit Schmerzhaftigkeit beim Hinlegen und Aufstehen. In chronischen Fällen sind die Pferde oft bewegungsunlustig. Weitere Symptome sind Steifheit einer oder beider Beckengliedmassen mit einem kurzen gebundenen Gang, wenig Schub aus der Hinterhand, Asymmetrie der Kreuzbeinhöcker, unterschiedlich ausgebildete Kruppenmuskulatur, in einigen Fällen Schleifen der Zehenspitzen über den Boden. Durch Druck auf die Kreuzbeinhöcker kann es zu einem Einknicken der betroffenen Hintergliedmasse oder der gesamten Hinterhand kommen.

Die Symptome sind also sowohl bei Erkrankungen des Kreuz-Darmbein-Gelenkes, als auch beim TLI-Syndrom vielfältig und könnten auch auf eine Reihe anderer Erkrankungen zutreffen. Untugenden des Pferdes, Ausbildungsfehler von Reiter und Pferd und unpassendes Sattelzeug müssen ursächlich ebenfalls in Betracht gezogen werden.


Röntgenbefunde beim TLI-Syndrom

Am stehenden Pferd ist es möglich seitliche Aufnahmen der Brustwirbelsäule und der vorderen Lendenwirbelsäule anzufertigen. Der hintere Bereich der Lendenwirbelsäule und das Kreuz-Darmbein-Gelenk können nur in Vollnarkose geröntgt werden. Die Darstellung dieser Bereiche ist schwierig. Röntgenologisch sind die Dornfortsatzspitzen der Wirbelsäule am einfachsten darzustellen.

 

DFS der BWS und LWS mit geringgradigen Veränderungen

 
   
 
Widerrist ohne Befund  

Folgende Befunde können auftreten:
- Verengungen der Abstände zwischen den Dornfortsätzen
- Randsklerosierungen (Sklerosierung = Verhärtung, Bindegewebszunahme)
- Pseudarthrosenbildung (Bildung eines falschen Gelenkes durch mechanische Einwirkung z.B. Reibung zwischen 2 Dornfortsätzen)
- Insertionsexostosen (Knochenzubildung an Bandansatzstellen)
- Berührungen und Überlappen einzelner oder mehrerer Dornfortsätze (Kissing Spines)
- Zystoide Veränderungen (Knochenzyste = flüssigkeitsgefüllter Hohlraum im Knochen)

Verschiedene Autoren haben unterschiedliche Graduierungen zur Einstufung der röntgenologischen Befunde an den DFS vorgenommen.

Die Diagnose Kissing Spines Syndrom kann nicht allein anhand der Röntgenbefunde gestellt werden. Die Röntgenuntersuchung ist aber zur Diagnosefindung unverzichtbar. In der Literatur wird berichtet, dass das Berühren und Überlappen der Dornfortsätze die am meisten vorkommende Ursache für knöchern bedingte Rückenschmerzen sind.
Das Vorhandensein von zystoiden Veränderungen lässt jedoch mit hoher Wahrscheinlichkeit auf einen Knochenschmerz schließen. Bei einem Durchmesser von mehr als 5mm sind sie besonders signifikant.


Anatomie

Die Wirbelsäule des Pferdes unterteilt sich in die Halswirbel (Anzahl 7), Brustwirbel (18), Lendenwirbel (6), Kreuzwirbel (5), Schwanzwirbel (15 - 21). Der Bereich der Wirbelsäule, in dem sich ein Kissing Spines Syndrom ausbilden kann, sind die Brust- und Lendenwirbelsäule, so dass sich die weiteren Ausführungen auch auf diesen Teil der

 

Dornfortsätze der hinteren BWS und
Beginn der LWS

 
Wirbelsäule beschränken. Je nach anatomischer Beschaffenheit wird die knöcherne Grundlage der Sattellage vom 9. – 18. Brustwirbel gebildet. Die Wirbel bestehen aus dem Wirbelkörper und verschiedenen knöchernen Quer- und Längsfortsätzen. Vom Wirbelkörper ausgehend und nach senkrecht gerichtet befinden sich die sogenannten Dornfortsätze (Procc. spinosi). Im Widerristbereich sind die Dornfortsätze am längsten, nach hinten hin nehmen die Dornfortsätze wieder an Höhe ab. An den ersten Brustwirbeln sind die Dornfortsätze geringgradig nach hinten geneigt, die der letzten Brustwirbel neigen sich aber leicht nach vorne. Zwischen diesen beiden Gruppen gibt es einen genau senkrecht stehenden Dornfortsatz, meist im Bereich vom 14.-16. Brustwirbel, in der Regel ist es der 15. Dornfortsatz. Dieser wird auch als anticlinaler Wirbel bezeichnet.
Die Wirbelkörper und die Dornfortsätze sind über einen Bandapparat miteinander verstrebt. Die Bänder haben verschiedene knöcherne Ansatzpunkte. Bei Irritationen und Zerrungen kann es an diesen Ansatzpunkten zu knöchernen Veränderungen kommen.
Bei Belastung des Rückens kann es besonders in der Sattellage zu einem Sichnähern und Berühren der Dornfortsätze kommen was als Kissing Spines bezeichnet wird. Am häufigsten finden sich Wirbelveränderungen zwischen dem 10. Brustwirbel und 4. Lendenwirbel. Dieser Abschnitt der Wirbelsäule verfügt über die größte Beweglichkeit nach oben, unten und zur Seite.

Das Kissing Spines Syndrom kommt vermehrt bei Springpferden vor, aber auch bei allen anderen Nutzungsarten und bei allen Rassen. Ein Großteil der Pferde erkrankt zwischen 6 und 9 Jahren. Dabei sind die Symptome sehr vielfältig und zu Beginn der Erkrankung nicht immer offensichtlich.

Vorbericht der Besitzer bei am Kissing Spines Syndrom erkrankten Pferden:

Als Hauptsymptom wird von den Besitzern Leistungsabfall geschildert. Die ganze Symptomenpalette ist aber sehr breit gefächert, an dieser Stelle sollen nur stellvertretend einige genannt werden:
- Unruhe beim Putzen, Schwierigkeiten beim Aufheben der Gliedmaßen zur Hufpflege/Hufschmied
- Unruhe und Widersetzlichkeit beim Aufsatteln und Angurten
- Unruhe beim Aufsitzen
- Schwierigkeiten beim Ausführen diverser Lektionen wie z.B. enge Wendungen, Tempiunterschiede, fliegende Wechsel, Traversalen, Versammlungen, Pirouetten
flache Galoppade, Schwungverlust, Verlust des Springvermögens

Die Problemlektionen werden nur noch mit Unwillen ausgeführt oder ganz verweigert.
Von den Besitzern werden als Ausdruck von Unwillen/Leistungsabfall häufig folgende Probleme genannt:
- Gegen die Hand gehen
- Kopfschlagen
- Schweifschlagen
- Steifheit in der Hinterhand
- Widerwille beim Rückwärtsrichten
- Lahmheit
- Steigen
- Schlechtes Taxiervermögen beim Springen
- Fester Rücken über dem Sprung
- Verwerfen im Genick
- Vermindertes Aufnehmen der Last durch die Hinterhand


Klinische Untersuchung

Die Basis für eine Diagnosefindung ist immer eine gründliche klinische Untersuchung. Dazu gehören unter anderem:
- Sorgfältiges Anschauen und Abtasten des gesamten Körpers, insb. Genick, Hals, Rücken, Gliedmaßen
- Untersuchung Zähne, Kautätigkeit
- Testen der Beweglichkeit der Wirbelsäule
- Begutachten des Pferdes in Bewegung auf hartem und weichem Boden inkl. Beugeproben
- Begutachten des Pferdes an der Longe mit und ohne Hilfszügel
- Begutachten des Pferdes unter dem Reiter je nach Nutzungsart des Pferdes beim dressurmäßigen Arbeiten oder während des Springtrainings

Bei der klinischen Untersuchung wird ebenfalls auf folgende Punkte eingegangen:
- Sind die Probleme akut aufgetreten oder schon länger beobachtet worden
- Wie wird das Pferd genutzt?
- Gibt es die Vorgeschichte einer Lahmheit
- Wurde das Pferd schon behandelt, wenn ja mit welchen Methoden, Medikamenten
- Wie sind die Unterbringungs- und Trainingsbedingungen
- Einschätzung der reiterlichen Fähigkeiten
- Managementprobleme
- Temperament des Pferdes

Nach der klinischen und röntgenologischen Untersuchung kommen folgende weiterführende Diagnostikmethoden zur Untersuchung des Kissing Spines Syndrom in Frage:
- Lokale Anästhesie der verdächtigen Dornfortsatzbereiche
- Kontrolle des Sattelzeuges
- Neurologische Untersuchung
- Rektale Untersuchung
- Labor-Analyse
- Szintigraphie
- Ultraschalluntersuchung
- Thermographie


Behandlungsmöglichkeiten

In der Literatur werden diverse Behandlungsmöglichkeiten beschrieben. Hier muss unterschieden werden zwischen
- der medikamentellen Behandlung
- der chirurgischen Behandlung
- Einsatz von paramedizinischen Behandlungsmethoden wie Chiropraxis, Akupunktur, Physiotherapie (Wärme, Schwimmtraining, Elektrostimulation), Homöopathie
- Einsatz von chondroitin- oder glucosaminhaltigen Ergänzungsfuttermitteln


Medikamentöse Behandlung

Die Basisziele der Behandlung sind Schmerz und Muskelspasmen zu reduzieren, um einen besseren Heilungserfolg zu haben. Begleitet wird die Behandlung durch spezielle Rehabilitationsprogramme.
Die Medikamentöse Behandlung umfasst eine Reihe von Wirkstoffen, die einzeln oder in Kombination angewendet werden. Dazu gehören nicht-steroidale (nicht auf kortisonbasis wirkende) Entzündungshemmer wie z.B. Phenylbutazon (Handelsname z.B. Equipalazone), Kortison, Muskelrelaxantien, Jodverbindungen, Hormonverabreichung, Lokalanästhetika (lokal betäubende Medikamente), Vitamin B, Durchblutungsförderer. Diese Medikamente können zum Teil lokal und/oder systemisch angewendet werden. In der Tierärzteschaft sind eine Vielzahl von Kombinationen in Anwendung, je nach Erfahrung und Erfolgsrate des einzelnen Tierarztes.


Chirurgische Behandlung

Bei der chirurgischen Behandlung werden einer oder mehrere der betroffenen, sich berührenden Dornfortsatzspitzen entfernt.


Paramedizinische Behandlungsmethoden

Das Ziel dieser Behandlungsmethoden ist die Wiederherstellung normaler Gelenkbeweglichkeit, Nervenreflexe zu stimulieren, Schmerzreduktion, Reduktion eines zu hohen Muskeltonus, gezieltes Training bestimmter Muskelgruppen und damit eine Verbesserung der Belastbarkeit und des Muskelaufbaus generell.

Begleitet werden alle diese Behandlungsmöglichkeiten von einem auf das betreffende Pferd abgestimmten Trainingsprogramm. Dieses enthält z.B. Longenarbeit, Arbeit an der Hand, Stangenarbeit, Gymnastikspringen, Geländereiten mit Bergauf-Bergab Training, Lektionsarbeit zur Wiederherstellung und Aufbau der Rückenmuskulatur. Grundsätzliche Voraussetzung ist, dass der Reiter genügend Fachwissen mitbringt oder dass das Pferd eines schwächeren Reiters unter fachmännischer Anleitung gearbeitet wird.
Durch die Herstellung von Schmerzfreiheit wird dem Pferd wieder ein  physiologischer Bewegungsablauf ermöglicht, Muskelgruppen kommen zum Einsatz die vorher völlig verspannt waren, die Hinterhand wird wieder zum Tragen des Gewichtes veranlasst und der Rücken kommt wieder zum Schwingen.
Wichtig ist auch die Überprüfung des Sattelzeugs. Sowohl Sattel als auch Trense sollten einer genauen Untersuchung unterzogen werden. Einem passenden Sattel sollte besondere Aufmerksamkeit geschenkt werden. Es lohnt sich an dieser Stelle einen durchaus größeren Aufwand zu betreiben, d.h. z.B. Anprobieren mehrerer Sättel mit fachmännischer Anleitung, Druckpunktmessung des eigenen Sattels, Maßanfertigung.


Prognose

In vielen Fällen kann man mit einem guten Management, einem gezielten Training und Muskelaufbau und einem schonenden Einsatz des Pferdes die Gebrauchsfähigkeit des Pferdes wiederherstellen. In den Fällen, in denen vorhandene Veränderungen im Bereich der Brust-Lendenwirbelsäule jedoch so weit fortgeschritten sind oder so deutlich ausgeprägt sind, dass eine kontinuierliche Schmerzfreiheit nicht erreicht werden kann, ist eine langfristige Gebrauchsfähigkeit des Pferdes nicht wiederherzustellen.