Fesselträgerentzündung

Der rein sehnige Fesseltrageapparat dient der Fixation der Zehengelenke auf der Hinterseite (palmare Seite) der Gliedmaße im Bereich des Röhrbeines, der Gleichbeine und des Fesselbereiches. Der Fesselträger ist Bestandteil des Fesseltrageapparates.
Der  sehnige Fesselträger (Musculus interosseus medius) hat seinen Ursprung auf der Rückseite des Vorderfußwurzelgelenks und des oberen Endes des Röhrbeines (zwischen den Griffelbeinköpfen). Sein Ansatzbereich hat 2 Köpfe, die sich aber schnell zu einem Band vereinigen. Der Fesselträger zieht zunächst durchgehend nach unten, teilt sich dann aber im unteren Drittel des Mittelfußes oberhalb der Gleichbeine und läuft paarig (Fesselträgeräste) über die Gleichbeine hinweg, um sich an der Vorderseite mit der Strecksehne zu vereinigen. Seine Hauptfunktion im Stand ist die Übernahme der Körperlast ohne Muskelkraft durch Fixierung des Fesselgelenkes. Der Fesselträger enthält unterschiedliche Anteile von Muskelgewebe (2 - 11 %), welches sich jeweils an der Vorder- und Hinterbeinen symmetrisch darstellt.

Die Fesselträgerentzündung ist eine der häufigsten und komplexesten Erkrankungen, die eine primäre oder kompensatorische Lahmheit beim Pferd auslösen. Die Fesselträgerentzündung kommt an der Vorder- und Hintergliedmaße vor. Sie kann einseitig oder beidseitig auftreten. Bei der Fesselträgerentzündung unterscheidet man bei den betroffenen Bereichen den Ursprung (0berer Anteil = proximal part), den Fesselträgerkörper und die Fesselträgeräste.

Abb. 1: Palmaransicht der linken Schultergliedmaße
Quelle: Bild-Text-Atlas zur Anatomie und Klinik des Pferdes, Band 1, Schlütersche, 2010

Abb. 2: Röhre von Palmar, Fesselträger
Quelle: Bild-Text-Atlas zur Anatomie und Klinik des Pferdes, Band 1, Schlütersche, 2010

Eine Überlastung kann an jeder Stelle des Fesselträgers zur Zerrung führen, sie kommt aber gehäuft im oberen Anteil vor. An dieser Stelle soll deshalb auch hauptsächlich auf die Entzündung des Fesselträgerursprunges eingegangen werden. Möglicherweise führt eine Überstreckung des Vorderfußwurzelgelenkes zusammen mit einer erheblichen Überstreckung des Fesselgelenkes zu diesem Trauma. Je stärker die Zerrung ist, desto schwerer ist die resultierende Schädigung. Eine Fesselträgerentzündung an der Vordergliedmaße wird bei jungen Pferden häufiger gesehen als an der Hintergliedmaße, vermutlich durch eine Überstreckung des Vorderfußwurzelgelenkes bedingt, besonders bei Pferden mit einem extravaganten Bewegungsablauf. Arbeit auf ungeeigneten Böden, z.B. weichen, tiefen Plätzen kann ebenfalls zu einer PSD (proximal suspensory desmitis = Entzündung des Fesselträgerursprunges) führen. Dabei kommt es durch das vermehrte Einsinken des Fesselkopfes zu einer Überlastung des Fesseltrageapparates.


Abb.3.: Sehnen-Belastung, schematisch
Quelle: Anatomie des Pferdes, Bodo Hertsch, FN-Verlag 2012

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Der obere Anteil des Fesselträgers erstreckt sich ungefähr von 4 - 12 cm unterhalb des Erbsenbeins = Os carpi accessorium (s.Abb.3). Eine Entzündung in diesem Bereich wird im englischen proximal suspensory desmitis (PSD) genannt. In den folgenden Ausführungen wird zur Vereinfachung der Ausdruck PSD angewendet. PSD beginnt mit einem plötzlichen Anfall von Lahmheit. Die Lahmheit kann vorübergehend sein und innerhalb von 24 Std. wieder verschwinden, es sei denn, das Pferd wird weiter stark belastet. Bei Pferden mit einer chronischen Desmitis kann die Lahmheit permanent vorhanden sein. Die Lahmheit kann geringgradig bis mäßig sein, in seltenen Fällen zeigt sich eine starke Lahmheit, nur wenn der Bänderschaden sehr ausgedehnt ist. Die Lahmheit verstärkt sich normalerweise auf weichem Boden, besonders wenn die betroffene Gliedmaße außen auf einer gebogenen Linie (Zirkellinie) ist. In einigen Fällen wird die Lahmheit eher vom Reiter gefühlt, als vom Beobachter erkannt. Die Lahmheit kann in verstärkten Trabtempi deutlicher werden.
Die Zehenbeugeprobe führt oft zu einer vorübergehenden Betonung der Lahmheit. Bei der Zehenbeugeprobe wird die Zehe des Pferdes eine Minute lang in abgewinkelter Position gehalten. Beim Ablassen der Gliedmaße muss das Pferd sofort angetrabt werden und ca. 20-30m vom Untersucher weg und dann wieder auf ihn zugetrabt werden. Dabei wird beurteilt, ob und wenn ja wie stark die Beugeprobe eine Lahmheit beeinflusst hat. Wird die Beugeprobe mit "positiv" beurteilt, hat sich die Lahmheit verstärkt. Wird die Beugeprobe mit "negativ" beurteilt, wurde die Lahmheit nicht beeinflusst. Beugeproben werden aber auch z.B. bei Ankaufsuntersuchungen bei nicht lahmen Pferden durchgeführt, um generell die Reaktion des Pferdes auf die Beugeproben zu testen.
In der akuten Phase einer Fesselträgerentzündung ist ein leichtes Ödem (Gewebeschwellung durch Einlagerung von Wasser in Gewebe) im oberen Metacarpalbereich, lokal vermehrte Wärme und eine vermehrte Füllung der inneren Hauptvene festzustellen. Diese Symptome können aber auch fehlen oder nur vorübergehend auftreten. Druck auf den Fesselträger und gegen den hinteren Teil der Röhre können eine Schmerzreaktion auslösen. Der obere Anteil des Fesselträgers ist durch die Palpation (Abtasten) schwer zu erfassen, deshalb ist eine lokale Schmerzausschaltung notwendig, um die Lahmheitsursache zu verifizieren.

Die Hufe sollten sorgfältig untersucht werden, weil eine Unausgeglichenheit der Hufe ein prädisponierender Faktor sein kann, ebenso Fehlstellungen im Vorderfußwurzelbereich.
PSD ist oft eine kompensatorische Verletzung der Pferdegliedmaße, das heißt die primäre Lahmheitsursache sitzt an anderer Stelle, der Fesselträger wird nur sekundär geschädigt. Das ganze Pferd sollte sorgfältig untersucht werden, um andere Lahmheitsursachen nicht zu übersehen. Es ist durchaus möglich, dass es mehrere Schmerzursachen gibt, die zu einer Lahmheit führen. PSD und gleichzeitig auftretende Probleme im Hufbereich kommen häufig vor. Die primäre Lahmheitsursache im Hufbereich führt dann zu einer kompensatorischen Schädigung des Fesselträgers auf der ipsilateralen (auf der gleichen Seite) Seite.

Lokale Umspritzungen von Nerven oder auch intraartikuläre (ins Gelenk) Injektionen von Anästhetika können das Gebiet der Lahmheit lokalisieren. Laut Ross ist bei einer Lahmheit, deren Ursache unterhalb des Vorderfußwurzelgelenkes gelegen ist, die Anästhesie die wichtigste diagnostische Methode bei Pferden mit einer PSD.

Eine Ultraschalluntersuchung des Fesselträgers ist wichtig für die Diagnosestellung. Die Gliedmaße sollte im Quer- und Längsschall untersucht werden und mit der kontralateralen (gegenüberliegenden) Gliedmaße verglichen werden. Die Bilder im Längsschall sind am sinnvollsten und am leichtesten zu interpretieren. Eine gewisse Strukturunregelmäßigkeit im oberen Anteil des Fesselträgers ist normal aufgrund der Überreste von Muskelgewebe. Im proximalen (oberen) Anteil des Fesselträgerbereiches ist es unter Umständen schwierig, den Schallkopf fest an die Gliedmaße anzulegen. Sollte der Schallkopf nicht fest angelegt sein, kann es durch den Abstand zwischen Schallkopf und Gliedmaße zu Artefakten (Bildverfälschung) kommen und zu Fehlinterpretationen. Messungen des Querdurchmessers können gerade bei Pferden mit einer akuten PSD sehr wertvoll sein, weil eine Vergrößerung des Bandes unter Umständen den einzig darstellbaren Befund ergibt. Bei chronischer PSD kommt es zu einer geringgradigen, verstärkten Echogenität des Fesselträgers.

Bei einer akuten PSD sind üblicherweise keine akuten röntgenologischen Veränderungen am Röhrbein (= Metacarpus, McIII) festzustellen. Bei einer chronischen PSD ist möglicherweise eine verstärkte Verschattung im oberen hinteren Bereich des Röhrbeins zu sehen auf einer Aufnahme, die die Gliedmaße von vorne nach hinten (a/p = anterior/posterior)darstellt.

Eine szintigraphische Untersuchung ist im Allgemeinen zur Diagnosestellung einer PSD nicht notwendig. Sie kann aber zusätzliche Informationen zur Knochenstruktur an der Ansatzstelle (= Insertionsstelle) des Fesselträgers geben.

Pferde mit einer akuten PSD der Vordergliedmaße sprechen meistens gut auf Boxenruhe und ein kontrolliertes Schrittführprogramm über 3 Monate an. Es ist sehr wichtig, auf eine gute Hufbalance zu achten. Eine zu frühe Rückkehr zu normaler Arbeit resultiert gewöhnlich in einer wiederholten Schädigung des Fesselträgers. Ungefähr 90% der Pferde erlangen wieder volle Sporttauglichkeit ohne wiederkehrendes Problem. Pferde mit einer chronischen PSD benötigen eine längere Regenerationsphase und ein kleiner Prozentsatz zeigt eine bleibende Lahmheit. Die Ruhephase sollte so lange eingehalten werden, bis der Ultraschallbefund des Fesselträgers wiederkehrend einen stabilen Befund zeigt.
Weidegang wird nicht empfohlen, da es unkontrollierte Bewegung bedeutet. Die Verletzungen des Fesselträgers bleiben bei Weidegang aktiv und es ist bewiesen, dass die Prognose mit unkontrollierter Bewegung schlechter wird.

Es gibt diverse Behandlungsmöglichkeiten. Dazu gehört in erster Linie das reduzierte Trainingsprogramm, weiterhin lokale Injektionen mit verschiedenen Medikamenten, systemisch verabreichte Entzündungshemmer, Stosswellenbehandlung, Stammzellinjektionen oder Injektionen mit PRP = platelet rich plasma. Hierbei wird das Blut des Pferdes in einer bestimmten Art aufbereitet und dann in den Verletzungsbereich injiziert. Die Unterstützung des Fesselträgers durch gute Hufzubereitung und primär durch einen geeigneten Beschlag ist wichtig. Pferde mit einer PSD sprechen gut auf eine Unterstützung im Ballenbereich durch einen sogenannten egg bar shoe (Eiereisen) an. Dies ist ein hinten rund geschlossenes Eisen, welches das Einsinken des Fesselkopfes vermindert und damit den Fesseltrageapparat stützt.
Die Zeit bis zur völligen Heilung muss in vielen Fällen mit bis zu 8 Monaten angesetzt werden und bis zur Wiedereinsatzfähigkeit im Sport können möglicherweise 12 Monate vergehen.

Die Prognose für die volle Einsatzfähigkeit im Sport ist bei Pferden mit einer PSD an der Vordergliedmaße gut, sie ist weniger gut, wenn die Hintergliedmaße betroffen ist.