EOTRH (Equine Odontoclastic Tooth Resorption and Hypercementosis)

Anatomische Grundlagen

Ein vollständiges Dauergebiss (permanentes Gebiss) besteht bei Pferden aus 44 permanenten Zähnen. Pro Kieferquadrant sind es jeweils 3 Schneidezähne, 1 Hengstzahn (Hakenzahn), 6 Backenzähne und ggf. ein sogenannter Wolfszahn. Der Wolfszahn ist ein rudimentärer Backenzahn und ist nicht bei allen Pferden ausgeprägt. Die Equiden haben im Ober- und Unterkiefer also jeweils 6 Schneidezähne.
Bezeichnet werden die Zähne nach der Zahnformel nach Triadan und Floyd. Mit der ersten Ziffer werden die Kieferquadranten durchnummeriert (1 = Oberkiefer rechts, 2 = Oberkiefer links, 3 = Unterkiefer links, 4 = Unterkiefer rechts. Mit den Ziffern 2 und 3 werden die Zähne entsprechend ihrer Position im Kiefer von vorne nach hinten durchnummeriert (s. Abb.1 und abb.2)

    Abb.1:
Nomenklatur der Zähne beim Pferd aus: Praxisleitfaden Zahn- und Kiefererkrankungen des Pferdes , Parey Verlag, 1. Auflage(Tilman Simon, Isabell Herold, Holger Schlemper)
     
   Abb.2:
Zahnformel nach Triadan und Floyd aus: Lehrbuch der Zahnheilkunde beim Pferd, Schattauer Verlag, 1. Auflage 2011 (Carsten Vogt)
     
 

Abb. 3a:
eigenes Bildmaterial

   
  Abb. 3b und 3c eigenes Bildmaterial, die rot umrandeten Zähne sind die Hengst-oder Hakenzähne
     
  Abb. 3c
     
  Abb.4:
Zahnaufbau: Zement blau, Schmelz schwarz, Dentin gelb, Pulpahöhle rot
aus: 4. Horst Keller: Zahnerkrankungen des Pferdes, Schlütersche Verlagsgesellschaft, 1. Ausgabe 2009

 

Das Krankheitsbild EOTRH

EOTRH steht für Equine Odontoclastic Tooth Resorption and Hypercementosis. Es ist eine in den letzten 10 Jahren immer häufiger diagnostizierte, schmerzhafte, progressiv verlaufende Erkrankung. Die Erkrankung kommt hauptsächlich im Bereich der Schneidezähne und an den Hakenzähnen, seltener an den Backenzähnen vor. Es sind besonders männliche Pferde betroffen. Ponies und Kleinpferderassen erkranken vermehrt. EOTRH wird aber auch häufig bei Warmblütern und Vollblütern festgestellt, was vermutlich einer guten Routinezahnbehandlung geschuldet ist.  Auch der Altersdurchschnitt in der Pferdepopulation ist in den letzten 20 Jahren immer mehr angestiegen. Die meisten Pferde mit mittel-bis hochgradiger EOTRH sind älter als 20 Jahre. In verschiedenen Studien werden Durchschnittsalter von 24 (17-29) und 21,7 (10-32) Jahren angegeben. In der Regel sind die betroffenen Pferde bei Diagnosestellung 15 Jahre und älter. Es kommt zu odontoklastischen Absorptions – und Resorptionsvorgängen. Bei dieser Erkrankung greifen Odontoklasten (Körperzellen die Dentin abbauen. S. Abb 4.) erst die Hartsubstanz der Wurzeloberfläche des Zahnes an, die sie dann durch ein zement- oder knochenartiges Gewebe ersetzen. Inzwischen werden verschiedene Formen des EOTRH unterschieden. Durch resorptive Vorgänge geprägte Erkrankungsverläufe sind ebenso bekannt wie solche, bei denen die Gewebezubildung überwiegt. EOTRH steht für einen Symptomenkomplex, dazu gehören Halitosis (Mundgeruch), Fressprobleme, besonders beim Abbeißen härterer Futterarten wie z.B. Karotten, Abmagerung,  Schmerz- und Abwehrreaktionen bei der Maulöffnung mit einem Maulgatter, Abwehrreaktionen beim Anlegen des Trensengebisses, vermehrtes Speicheln, Zunge zwischen die Schneidezähne schieben.

Die genannten Symptome sind auf Schädigungen des Zahnhalteapparates zurückzuführen, die häufig mit Fistelbildungen, Parodontosen (= bakterielle Entzündung des Zahnbettes) und schließlich mit Lockerung der Zähne einhergehen.  Stellt der Tierarzt diese Veränderungen bei der klinischen Untersuchung der Maulhöhle fest, sind die Folgen der Umbauprozesse im Zahn radiologisch zumeist bereits weit fortgeschritten. In einer Studie von Hüls et al. wurde die radiologische Prävalenz von EOTRH ermittelt. Insgesamt 56 % der untersuchten Pferde über 10 Jahre und 73,4 % der untersuchten Pferde über 20 Jahre zeigten mittel- bis hochgradige röntgenologische Veränderungen im Sinne eines EOTRH an den Schneidezähnen.

Klinische Symptome sind Zahnfleischentzündungen mit Rötung, punktuelle Rötungen, Zurückziehen des Zahnfleisches, Bläschenbildung, Fistel- und Wulstbildung, starke Zahnsteinbildung, Zahnlockerung (s. Abb.5,6,7a und b). Die Diagnose stellt man häufig schon anhand der typischen makroskopischen Befunde. Bei unklarem klinischem Bild und zum Abklären des Schweregrades ist es sinnvoll, intraorale Röntgenaufnahmen anzufertigen.

  Abb. 5:
Beginnende klinische Anzeichen von EOTRH: punktuelle Rötungen, Zahnsteinablagerungen, Gingivaretraktion, geringgradige kolbige Auftreibungen im Zahnfleisch.
Aus: Wiebke Schröder: EOTRH Hilfestellung zur Diagnostik und Therapie, Enke Verlage/Pferdespiegel2015;3
     
  Abb. 6:
EOTRH Bläschen- und Fistelbildung
Aus: Lehrbuch der Zahnheilkunde beim Pferd, Schattauer Verlag, 1. Auflage 2011
     
  Abb. 7a und b:
EOTRH, resorptiver Typ, eigenes Bildmaterial,
7a rot umrandet Fistelbildung,
7b das dazugehörige Röntgenbild
     
  Abb. 7b

 

Nicht immer stehen Röntgenbefund und Klinik in direktem Zusammenhang. Abhängig von der Art des EOTRH Syndroms (hyperzementotisch oder resorptiv) gibt es immer wieder klinisch unauffällige Pferde mit mittel- und zum Teil hochgradigen Röntgenbefunden. Oder die Befunde auf den Röntgenbildern sind wesentlich hochgradiger als die visuellen Veränderungen im Schneidezahnbereich. Einige hochgradige EOTRH Fälle, mit meist ausgeprägter Hyperzementose (s. Abb. 8 a), zeigen klinisch ein völlig gesundes Zahnfleisch. Während bei der resorptiven Form (s. Abb. 8 b) schon deutlich vor den röntgenologischen Befunden makroskopische Befunde in der Maulhöhle zu sehen sind.

Röntgenologisch sind verbreiterte Parodontalspalten (Parodontium = Zahnhalteapparat) und knollige, hyperzementotische Umfangsvermehrungen im Bereich des Zahnfaches festzustellen. Schliesslich kommt es zu Zahnfrakturen und auch zum Zahnverlust. Resorptive Läsionen der Zahnhartsubstanzen erscheinen als unregelmäßige Aufhellungen im Zahninneren.

 

Abb. 8a:
Schneidezähne im Oberkiefer eines Pferdes mit EOTRH vom hyperzementotischen Typ

Abb. 8a und b aus: Wiebke Schröder: EOTRH Hilfestellung zur Diagnostik und Therapie, Enke Verlage/Pferdespiegel 2015;3

     
  Abb. 8b:
Schneidezähne im Oberkiefer eines Pferdes mit EOTRH vom resorptiven Typ


 
  Ohne EOTRH
     
 

Geringgradige EOTRH:
Zahnform erhalten,
Wurzelspitze konisch,
Oberflächen unregelm./rau

     
 

Mittelgradige EOTRH:
Zahnform weitestgehend erhalten,
intraalveoläre Zahnanteile nicht breiter
als klinische Krone
Wurzelspitze weitestgehend konisch
Oberflächen unregelm. /rau

     
 

Hochgradige EOTRH:
Zahnform verloren
Intraalveoläre Zahnanteile breiter als klinische Krone
Zahnfrakturen
Oberflächen deutlich unregelm./rau

Abbs 9a - 12b: Klassifizierungsschema der EOTRH nach Hüls et al., aus: Wiebke Schröder: EOTRH Hilfestellung zur Diagnostik und Therapie, Enke Verlage/Pferdespiegel 2015;3: 108-116

Die Ursache für EOTRH ist noch nicht vollständig geklärt. Diskutiert werden biomechanischer Stress, sekundäre, bakterielle Besiedelung, genetische Prädisposition und systemische Faktoren. Es werden aber auch andere Ursachen in Erwägung gezogen.

Therapie

Bisher gab es für Pferde mit fortgeschrittener EOTRH noch keine überzeugenden zahnerhaltenen Therapiemaßnahmen. Im Frühstadium kann in manchen Fällen durch Kürzen der Schneidezähne eine vorübergehende Entlastung erzielt werden. Auch die symptomatische Behandlung der Parodontose kann in einigen Fällen das Fortschreiten der Erkrankung verlangsamen, sie jedoch nicht aufhalten.
Als einzig wirksame Therapie, die zum dauerhaften Abklingen der Symptome führt, ist die Extraktion hochgradig betroffener Zähne zu nennen. Sind bereits alle Schneidezähne betroffen, sollte auch vor einer Totalextraktion des gesamten Schneidezahngebisses nicht zurückgeschreckt werden. Oft kann man danach eine deutliche Verbesserung des Allgemeinzustandes des Pferdes feststellen.
Ob eine Totalextraktion oder die Extraktion einzelner Zähne indiziert ist, muss von Fall zu Fall individuell entschieden werden.